
Neitzel, Sönke (2020): Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – Eine Militärgeschichte, Berlin: Ullstein Taschenbuchverlag.
Auf knapp 600 Seiten nimmt sich Prof. Dr. Sönke Neitzel – Inhaber des Lehrstuhls für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam – etwa 150 Jahre deutscher Militärgeschichte, der Binnensoziologie der Streitkräfte und ihrer politischen Ausrichtungen an.
In seinem Buch „Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – Eine Militärgeschichte” gelingt es Sönke Neitzel,historische Beispiele interessant zu skizzieren und dabei den Bogen zu größeren historischen Prozessen und Entwicklungen zu schlagen.
Neitzel geht unter anderem der Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Soldaten der kaiserlichen Armee, der Wehrmacht und den Bundeswehr-Soldaten im Afghanistan-Einsatz nach. Was teilen diese Soldaten, die in sehr unterschiedlichen Epochen gelebt und sehr unterschiedlichen politischen Systemen gedient haben? Neitzels Resümee ist, dass sie das Handwerk des Soldatenberufes teilen: kämpfen, töten und vielleicht auch sterben.
Die Erziehung und Ausbildung der kämpfenden Einheiten dieser drei Epochen war eindeutig auf den Krieg ausgerichtet, wobei es zunächst irrelevant ist, wie dieser Krieg tatsächlich stattgefunden hat oder wie er vorausblickend gedacht wurde. Im Ernstfall sollten diese Männer und später auch vereinzelt Frauen dahin gebracht werden, unter Gefahr für Leib und Leben auf dem Gefechtsfeld zu „funktionieren”, ihre Aufgaben zu erfüllen. Dabei mussten im Militär zwangsläufig, um diesen Anforderungen entsprechen zu können, andere Werte und Ideale verkörpert, stilisiert und eingefordert werden, als sie in der zivilen Gesellschaft vorzufinden sind.
Werte wie Pflichtgefühl, Kameradschaft, Disziplin und Opferbereitschaft bilden daher fast aus einer logischen Konsequenz heraus den Referenz- und Bewertungsrahmen soldatischer Leistung, egal ob in den Weltkriegen oder auf Patrouillen in Afghanistan.
Auf den ersten zehn Seiten von Deutsche Krieger beginnt Sönke Neitzel mit einleitenden Worten und rechtfertigt seine Beschäftigung mit den etwa 150 Jahren deutscher Militärgeschichte damit, dass der Diskurs und der stellenweise Disput über die Tradition der Bundeswehr wesentlich durch die Geschichte deutscher Streitkräfte zu erklären sei. Skandale über die (extremen) politischen Ansichten von wenigen Bundeswehr-Soldaten seien am besten durch die Untersuchung der Vergangenheit zu erklären. Dabei sind gerade die dramatischen Phasen der deutschen Geschichte untrennbar mit der Geschichte der jeweiligen deutschen Streitkräfte verbunden.
Einen besonderen Blick wirft Sönke Neitzel dabei nicht auf trockene Technik- oder Operationsgeschichte, sondern auf die sozial und soziologisch interessanten Fragen nach der Motivation zum Militärdienst und zum Gruppenverhalten, insbesondere unter lebensbedrohlichen Umständen. Sogenannte Primärgruppen, horizontale und vertikale Kohäsion, tribal cultures und die Frage, ob man Streitkräfte vom Frieden oder vom Krieg her denken sollte, sind Motive und Fragen, die im Buch dauerhaft von Neitzel wieder und wieder aufgegriffen und plausibel beantwortet werden.
Zu Beginn seiner inhaltlichen Arbeit legt Neitzel auf knapp 60 Seiten im Kapitel I dar, wie es um die kaiserliche Armee am Vorabend und während des Ersten Weltkrieges bestellt war.
Soldaten und Uniformen aller Art waren im deutschen Kaiserreich hoch im Kurs und beliebt, die Streitkräfte hatten einen guten Ruf in der Gesellschaft. Das lag vor allem daran, dass dieser Nationalstaat wesentlich durch Bismarcks „Blut und Eisen”-Politik in den Einigungskriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1871) und daher maßgeblich durch das Militär errungen wurde. Im Militär zu dienen galt zwar als schick, aber auch in der kaiserlichen Friedensarmee waren bei weitem nicht alle Sollstellen besetzt. In der Armee selbst hatten Adlige und Bürgerliche – entgegen allgemeiner Erwartung – weitgehend gleiche Einstiegs- und Aufstiegschancen, entsprechend der gesamtgesellschaftlichen Verteilung waren sozialdemokratische Einstellungen weit verbreitet, Soldaten aus den Arbeiter- und Bauermilieus waren die größte Sozialgruppe in der Armee. Übermäßig strenger Drill und Formaldienst verschwanden zwar nicht ganz aus den Streitkräften, aber bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden humanere Ausbildungsmethoden eingeführt und Beschwerderechte der Soldaten in den 1890er Jahren verbessert. Im Weltkrieg zeigte sich die kaiserliche Armee im Angesicht neuer Waffentechnik und Schützengräben lernfähig und entwickelte mit den „Stoßtruppen” neue Wege und Taktiken, dem Stillstand des Grabenkrieges zu entkommen und das dynamische Bewegungsgefecht zu eröffnen sowie die Initiative beizubehalten. Auf taktischer und handwerklicher Ebene war die kaiserliche Armee des Ersten Weltkrieges nach Neitzels Auffassung vorbildlich aufgestellt. Aber die operative und strategische Führung der Obersten Heeresleitung unter von Hindenburg und Ludendorff, sowie die politische Führung des Kaisers und Reichskanzlers in Berlin, stellten die Weichen, die auf die Niederlage im Ersten Weltkrieg zusteuerten. Die politische Führung akzeptierte und übernahm das militärisch geprägte Denken der Obersten Heeresleitung, allerdings könne dennoch nach Neitzels Ansicht nicht von einer Militärdiktatur in der Zeit zwischen 1914 und 1918 die Rede sein.
Neitzel geht in Kapitel II weiter chronologisch vor und widmet sich u.a. der Beantwortung der Frage, ob die Reichswehr wirklich „Staat im Staate” war. Dieses Kapitel ist das kürzeste im Buch und umfasst etwas mehr als 20 Seiten. Für Sönke Neitzel ist es evident, dass die überwältigende Mehrheit der Soldaten der Reichswehr und der Bevölkerung insgesamt, die als Schmach empfundenen Rüstungsbeschränkungen und Waffenverbote des Versailler Vertrages von 1919 überwinden wollte. Die auf 100.000 Mann beschränkte Reichswehr war zwar nie in der Lage gewesen, einen äußeren Angriff auf die Republik abzuwehren, aber sie konnte die höchsten Anforderungen und Aufnahmebedingungen an die fast endlosen Bewerberzahlen stellen. Kriegserfahrene Soldaten und Offiziere bildeten den Kern für die angestrebte Verdreifachung der Armee auf 300.000 Soldaten. Sie reflektierten die selbst gesammelten Erfahrungen des vergangenen Krieges kritisch und bildeten die Soldaten und Offiziere mehrere Ebenen oberhalb ihrer Dienstgrade aus und stellten damit eine der am besten ausgebildeten Armeen Europas.
Obwohl die militärische Führung der Reichswehr nie selbst Pläne zum Putsch gegen die Republik entwickelt oder ausgeführt hatte, war sie der neuen Republik und der Demokratie gegenüber zumindest skeptisch oder distanziert-abwertend eingestellt. Sie verteidigte die Verfassung und die Demokratie nicht gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Einstellungen in der Reichswehr selbst bildeten aber die Ansichten der Gesamtbevölkerung ab und sie blieb den Reichspräsidenten gemäß der Verfassung treu ergeben. Reichspräsident von Hindenburg ernannte Hitler zum Reichskanzler, nicht die Führung der Reichswehr, die sich allerdings viel von den Revanchismus-Phantasien Hitlers versprach – zumindest für die eigene Karriere. Sönke Neitzel kommt damit zu dem Urteil, dass die vielfach gebrauchte Formel des „Staats im Staate” nicht zutreffend für die Reichswehr sei.
Auf den knapp 140 Seiten von Kapitel III behandelt Neitzel den Verlauf des Zweiten Weltkriegs, die politische Gesinnung der Wehrmacht sowie ihre Kriegsverbrechen.
Neitzel nennt die Wehrmacht eine „Armee der Extreme”. Unter anderem das massive, zeitlich viel zu überambitionierte Aufrüstungsprogramm ab der Machtergreifung, der Kampf- und Durchhaltewille jenseits des militärischen Wendepunkts des Zweiten Weltkrieges und die Gewaltbereitschaft der einzelnen Soldaten vor allem gegenüber Zivilisten bestätigen die These aus Neitzels Bewertung heraus.
Die These, die Wehrmacht sei eine überaus schlagkräftige und professionelle Armee gewesen, muss Neitzel zurückweisen. Spätestens nach den Niederlagen und hohen Verlusten durch den Überfall auf die Sowjetunion 1941/1942 sei das militärische Können gesunken, erfahrene Offiziere und gut ausgebildete und kriegserfahrene Verbände seien Stück für Stück aufgerieben und vernichtet worden, weil erneut keine strategische Weitsicht der politischen und militärischen Führung vorhanden war. Der Krieg war nach Neitzels Ansicht bereits im Herbst 1941 endgültig strategisch verloren, die eigene Kampfkraft und Lernfähigkeit, die noch im Ersten Weltkrieg attestiert werden konnte, nahmen ab, während die Kriegsgegner dazulernten und nicht zuletzt wegen ihrer Ressourcen- und Materialüberlegenheit schlagkräftiger wurden.
Die Kriegsverbrechen gegen Zivilisten, alliierte und sogar gegen die eigenen Soldaten folgten den rassenideologischen Kriterien der NS-Ideologie und waren in ihrem grauenhaften Ausmaß neu in der deutschen Geschichte – die Wehrmacht war definitiv verbrecherisch.
Das innere Gefüge der Wehrmacht blieb trotz der horrenden Verluste im Kriegsverlauf bestehen. Der NS-Staat, die deutsche Bevölkerung und die Wehrmacht waren fest ineinander verschmolzen, die sog. vertikale Kohäsion wurde durch die unmittelbare soziale Verbindung der Kampfgemeinschaften gestärkt. Kameradschaftsgefühle, harte und humane Führung zugleich, sowie Stolz auf das als ehrenhaft empfundene Soldatentum sorgten dafür, dass die Wehrmacht auch bei sich verschlechternder Kriegslage nicht auflöste, sondern weiter im verlorenen Krieg kämpfte.
Die Behandlung des inneren Gefüges der Bundeswehr, der Streit um die sog. Innere Führung, die Traditionspflege, die militärische Schlagkraft, Strategien der NATO im Kalten Krieg und der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nehmen den Großteil von Neitzels Buch ein (etwa 290 Seiten). Dabei wird der Zeitraum von 1955 bis zur Wiedervereinigung 1989 in Kapitel IV (ca. 160 Seiten) thematisiert.
Der westdeutsche Wehrbeitrag, den Adenauer den westlichen Siegermächten anbot, sah eine 500.000 Mann starke Armee vor. Im Gegenzug für diesen substantiellen Beitrag an der Systemgrenze zur DDR erhielt die BRD mehr Souveränität, musste aber damit die angestrebte Wiedervereinigung der deutschen Teile vorerst aufgeben. Auf dem Weg zum Aufbau dieser Armee mangelte es die ersten zwei Jahrzehnte dauerhaft, und zwar an allem. Es gab zu wenige Kasernen, zu wenige Fahrzeuge und Großgerät, zu wenig Munition, zu wenige Soldaten und zu wenige gut ausgebildete und in der Führung von Soldaten geschulte Vorgesetzte. In einem solchen Klima der hohen Ambitionen und inkrementellen Fortschritte ereigneten sich die ersten Skandale in der Geschichte der Bundeswehr als unerfahrene und überforderte Ausbilder beim Iller-Unglück 1957 und bei der Nagold-Affäre 1963 für den Tod mehrerer Rekruten verantwortlich waren.
Diese Skandale, mangelnde Abgrenzung zu traditionsunwürdigen Elementen der Wehrmacht und die sozialen Veränderungen im Zuge der 68er Bewegung eröffneten die zunehmende gesellschaftliche Kritik an der Bundeswehr. Sinkende Freiwilligenzahlen, während die Zahl der Wehrdienstverweigerer anstieg, sowie Probleme bei der Disziplin und längeren Verpflichtungszeit waren unter anderem die Folge. Der Dienst in der Bundeswehr wurde als unattraktiv und die Mentalität innerhalb der Streitkräfte als zu unreflektiert gegenüber den Verbrechen der Vergangenheit wahrgenommen.
Unter anderem sollte die sog. Innere Führung als neues Selbstverständnis aller Soldaten Abhilfe schaffen. Die Soldaten sollten sich zukünftig als Staatsbürger in Uniform verstehen, die aus Einsicht und innerer Überzeugung gewillt sein sollten, in den Streitkräften für die Demokratie der jungen Bundesrepublik zu dienen und im Notfall zu kämpfen. Dieses Idealbild löste aber einen Diskurs innerhalb der Führungsriege der Bundeswehr selbst aus.
Auf der einen Seite standen die Befürworter eines ziviler anmutenden Soldaten-Verständnisses, die u.a. eine kollegiale Menschenführung in der Truppe etablieren wollten, um sicherzustellen, dass die Bundeswehr garantiert auf der freiheitlich demokratischen Grundordnung stand.
Demgegenüber standen auch ehemalige Angehörige der Wehrmacht, die dazu ermahnten, die Streitkräfte nicht vom Frieden, sondern vom Krieg her zu denken. Der Auftrag der Bundeswehr lautete im Bündnisfall, an der innerdeutschen Grenze unter horrenden Verlusten zu kämpfen. Der Kampfauftrag und der Wille zum militärischen Waffengang kämen ihrer Ansicht nach in der zivil gedachten Inneren Führung zu kurz. Vor allem die Truppengattungen des Heeres, die im sog. V-Fall an der innerdeutschen Grenze direkt gekämpft hätten, bewahrten in ihren Traditionen Elemente eines soldatischen Selbstverständnisses auf, wie sie auch in der Wehrmacht vorzufinden waren.
Mit der Nationalen Volksarmee der DDR beschäftigt sich Neitzel auf etwa 30 Seiten im Kapitel V.
Die NVA bezeichnet Neitzel gewissermaßen als Sonderfall der deutschen Militärgeschichte, da sie sich in ihren Traditionen und Organisationsstrukturen dezidiert an der Roten Armee der U.d.S.S.R. ausrichtete. Oberflächlich schienen die Streitkräfte der DDR, gemessen an den SED-Parteimitgliedschaften der NVA-Soldaten, als besonders politisch ideologisiert. Allerdings spielte die politische Ideologie wie in den anderen Vorgänger- und konkurrierenden Armeen deutscher Staaten eine untergeordnete Rolle und wurde im alltäglichen Betrieb vor allem von den niedrigeren Dienstgraden als nebensächlich erachtet, da das Erlernen und Beherrschen der Technik und Waffen deutlichen Vorrang hatte. Sönke Neitzel spricht der NVA daher eine hohe Kampfkraft zu, obgleich die ökonomischen Ausgangsbedingungen der DDR eine allzeit bereite, moderne und hochgerüstete Armee beinahe nicht realisierbar machten.
Der Bundeswehr im Zeitraum ab 1990 bis „heute” widmet sich Sönke Neitzel in Kapitel VI (ca. 130 Seiten).
Nach der friedlichen Wiedervereinigung gehörte die großangelegte Verteidigung der norddeutschen Tiefebene und der Fulda Gap gegen sowjetische Panzerarmeen nicht mehr zu den Szenarien, auf die sich die Bundeswehr ernsthaft vorbereitete, der ehemalige Gegner – die NVA – wurde in einem Integrationsprozess in die eigenen Strukturen aufgenommen, die Bundeswehr betrieb die deutsch-deutsche Integration stringenter als viele andere Behörden und Unternehmen in der Berliner Republik.
Folglich brauchte es auch keine 500.000 Mann starke Wehrpflichtarmee. Die Bundeswehr wurde personell stark reduziert, sodass sie Strukturwechsel um Strukturwechsel weniger Soldat:innen hatte. Im Jahr 2000 galt eine Sollstärke von 170.000 Soldat:innen, Standorte, Großverbände und unzähliges Material und ganze Truppengattungen mit ihren Fähigkeiten wurden aufgelöst, verschrottet oder verkauft, zudem wurde die Wehrpflicht endgültig ausgesetzt, unter anderem deshalb, weil auch schon lange keine Wehrgerechtigkeit mehr gewährleistet werden konnte.
Dennoch stieg der Bedarf an Soldat:innen in den Out-of-area-Einsätzen der Bundeswehr in den 1990er und 2000er Jahren an. Allerdings wurde nicht mehr der Kämpfer, sondern – dem Selbstbild des wiedervereinten Deutschlands entsprechend – der miles protector gebraucht. Quasi wurden bewaffnete Polizisten und Entwicklungshelfer in Somalia, Kosovo und Afghanistan gefordert.
Obwohl die Bundeswehr bereits in anderen Auslandseinsätzen tote Soldaten beklagen musste, entwickelte sich der anfänglich überschaubare Stabilisierungseinsatz am Hindukusch zum bösen Erwachen für die Bundeswehr. Die Lage im Norden Afghanistans war Ende der Nuller-Jahre unübersichtlich, das Auftragsgebiet der kleinen Truppe war enorm, fast halb so groß wie die Bundesrepublik selbst. Obwohl die Mandatsobergrenze der ISAF-Mission 2008 mit knapp 5.500 Soldat:innen höher gesetzt wurde, reichten die tatsächlich auf Patrouille gehenden Kräfte nicht aus, um in der Fläche den 1) zivilen Wiederaufbau Afghanistans voranzubringen (was das vor Ort tatsächlich bedeuten sollte, beantwortete Berlin nicht konkret), 2) lokale Konflikte zu befrieden und 3) die Taliban zu vertreiben, ohne dabei auf eine militärische Eskalation hinzuwirken.
Wie schon bei anderen Einsätzen der NATO sollte die Bundeswehr in Afghanistan lediglich eine verminderte Unterstützungsfunktion gemäß parlamentarischer Vorgaben spielen, was allerdings durch die militärische Lage im Norden Afghanistans unmöglich wurde. Sprengstoffattentate und komplexe Hinterhalte bildeten ab Ende der Nuller-Jahre genauso ungewollten Alltag wie das Ausfliegen der Gefallenen mit allen militärischen Ehren. Obwohl laut Verteidigungsminister Struck die Freiheit des deutschen Volkes auch am Hindukusch verteidigt werden sollte, blieb für die Soldat:innen vor Ort häufig nur Frustration über die unklar bleibenden Aufträge, die sie vor Ort unter Gefahr für Leib und Leben erreichen sollten. Kampfeinheiten besannen sich auf die Kameradschaft zueinander und den Stolz auf ihr militärisches Können, was in der deutschen Bevölkerung und Politik auf Unverständnis traf.
Das abschließende Resümee von Neitzels Deutsche Krieger umfasst knapp 15 Seiten und skizziert erneut die wichtigsten Befunde des gesamten Buches. Gerade im Resümee führt der Autor weiter aus, welche Missstände und Verfehlungen er in der jüngsten Geschichte seitens der Politik gegenüber der Bundeswehr und ihren Soldat:innen sieht und scheut dabei nicht vor einem politischen Plädoyer zurück.
Vor allem bezieht Sönke Neitzel das letzte Kapitel und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr in einem treffendenHandlungsappell ein. Entweder sollte die politische Führung in Berlin ehrlich sein und die Kampfeinheiten der Bundeswehr auflösen und damit dem Anspruch einer Zivilmacht Rechnung tragen, oder die Kampftruppen, die zu einem gleichberechtigten Nachkommen der Bündnisverpflichtungen notwendig sind, dürfen nicht mehr stiefmütterlich kaputtgespart und totverwaltet werden. Dann müsse man sich allerdings auch unangenehmen Fragen nach der Traditionspflege, der Ausstattung und dem eigentlichen Auftrag von Streitkräften stellen.
Dieser Versuch einer sehr überblicksartigen Zusammenfassung und Heranführung an die Argumentationsstruktur von Sönke Neitzels Deutsche Krieger bleibt verständlicherweise hinter der sprachlichen und inhaltlichen Gestaltung dieses sehr lesenswerten Buches zurück. Selbst als, an diesem Themenfeld interessierter Leser, überraschte Sönke Neitzels Untersuchung mit Detailschärfe und leserfreundlichen Sprüngen zwischen den Epochen. Durch die Lektüre von Sönke Neitzels Deutsche Krieger wird den Leser:innen bewusst, welche historischen Entwicklungen zu den potentiellen Konflikten in und um die deutschen Streitkräfte der Vergangenheit und Gegenwart geführt haben.