Trotz Sommerpause haben sich Mitglieder des Forums für wehrhafte Demokratie e.V. und interessierte Bürger:innen am Dienstag, dem 21.07.2026 in den Raum 001 der Göttinger Volkshochschule begeben, um einem Vortrag von einem Offizier des Landeskommandos Niedersachsen zum Operationsplan Deutschland und zur aktuellen Sicherheitslage in Europa beizuwohnen.
Herr Oberstleutnant Gilles Seifert ist der Einladung des Forums für wehrhafte Demokratie e.V. gefolgt und unserer Bitte nachgekommen, Fragen zu Themen der hybriden Bedrohungen, dem Dienst in der Reserve und den Aufgaben des Heimatschutzes im Zusammenhang des Operationsplans Deutschland zu beantworten.
Oberstleutnant Seifert (folgend OTL Seifert abgekürzt) begann die Veranstaltung in der Göttinger VHS mit einem freundlichen Austausch mit den Besucher:innen und stellte sich und seinen beruflichen Werdegang vor dem Beginn der eigentlichen Präsentation vor.
Nach seinem Abitur entschied sich OTL Seifert für den Dienst bei der Bundeswehr und leistete ab Mitte der 1980er Jahre seinen Dienst in den Kampftruppen des Heeres ab. Nach seinem ersten Dienstzeitende in den frühen 2000er Jahren entschied sich OTL Seifert, erneut Dienst in den Streitkräften zu leisten. Zunächst war OTL Seifert als Presseoffizier der Panzerlehrbrigade 9 eingesetzt, die mit Masse in Niedersachsen stationiert ist, bevor er als Leiter des Kommunikationsteams Operationsplan Deutschland des Landeskommandos Niedersachsen in der Öffentlichkeitsarbeit tätig wurde. Zu seinem Aufgabenreich, den OTL Seifert als sehr erfüllend beschrieb, gehört es, im gesamten Bundesland auf Veranstaltungen über den Operationsplan Deutschland und zur Arbeit der Landeskommandos zu referieren und aufzuklären.
Zu Beginn des eigentlichen Vortrages erläuterte OTL Seifert kurz die Struktur der Bundeswehr mit ihren vier Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe, Marine und den jüngst aufgestellten Cyber- und Informationsraum und den zivilen Verwaltungsapparat. Die 16 Landeskommandos der 16 Bundesländer stünden in erster Linie als Ansprechpartner für die Landesregierungen zur Verfügung, die z.B. bei Amtshilfeanträgen an die Landeskommandos treten könnten. Die Amtshilfe im Rahmen der Covid-19 Pandemie oder bei Waldbränden und Hochwasser mögen einem hier in den Sinn kommen.
Dann bezog sich OTL Seifert auf die sicherheitspolitische Lage im Baltikum. Außereuropäische Akteure versuchen z.B. mit niedrigschwelliger und sehr kostengünstigen Desinformationskampagnen und gewaltfördernden Botschaften, zivile Unruhe und einen Vertrauensverlust gegenüber den baltischen Regierungen zu sähen. Aufgrund dieses Bedrohungspotentials und nicht zuletzt wegen des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, hat sich die Bundesregierung dazu entschlossen, die deutsche militärische Unterstützung für Litauen durch die dauerhafte Stationierung der im Aufbau befindlichen Panzerbrigade 45 zu steigern. Diese Bedrohungslage wird auch im benachbarten Polen so sehr verspürt, sodass die polnisch-belarussische Grenze zunehmend gesichert und überwacht wird.
Falls die von den NATO- und EU-Staaten ergriffenen Abschreckungsmaßnahmen die Russische Föderation nicht von einem konventionellen Angriff auf die baltischen Bündnispartner abhalten sollten, tritt der – durch den Artikel 5 des Nordatlantikvertrages festgelegte – Bündnisfall in Kraft und die militärische Verteidigung der baltischen Staaten laufe an. Da die NATO-Truppen in Estland, Lettland und Litauen nicht alleine kämpfen müssten und unterstützt werden würden, müssen Verstärkung, Nachschub, Verpflegung und unzähliges anderes Material und Güter von den westlichen Bündnispartnern ins Baltikum transportiert werden: vor allem per See und Land.
Genau an dieser Stelle setzt der Operationsplan Deutschland ein. Dieser geheime Plan wird ständig erweitert, ausgearbeitet und korrigiert, um diese logistische Herkules-Aufgabe bewältigen zu können. Vor allem Niedersachsen als Flächenland mit Anbindung an die Nordsee, die Autobahnen und seinen großen Militärgelände in der Lüneburger Heide kommt dabei ein wichtiger Teil im Operationsplan Deutschland zu, den OTL Seifert so zusammenfasst, dass Deutschland die „Drehscheibe“ und Niedersachsen das „Schwungrad“ für den Aufmarsch der NATO sei.
Die Unterbringung, medizinische Versorgung und Verpflegung der Soldat:innen der anrückenden NATO-Staaten, die den Verbündeten im Baltikum zur Hilfe eilen würden, sowie die technische Wartung und Verlegung ihres militärischen Großgeräts über das Schienen- und Straßennetz würde dabei einen immensen Personalaufwand erfordern, den das Gros der Bundeswehr allerdings nicht übernehmen könnte, da sie bereits in der Masse auf dem Weg ins Baltikum wäre, um den Verbündeten zu helfen, den potentiellen Angriff zurückzudrängen.
Der Operationsplan Deutschland beinhaltet keine Gesamtverteidigung Deutschlands, sondern den Heimatschutz und die erforderlichen zivilen Maßnahmen, die notwendig wären, um den Nachschub ins Baltikum weiterhin zu gewährleisten und gleichzeitig die zu erwartenden Flüchtlingsbewegungen und Verwundeten Soldat:innen aufzufangen und zu versorgen. Diese Aufgaben müssen in der Masse von den Blaulicht-Organisationen Polizei, Feuerwehr, THW, Rettungsdiensten, Rotes Kreuz, Johanniter etc. bewältigt werden. Die militärisch ausgebildeten Reservist:innen des Heimatschutzes sollen dabei vor allem Wach- und Sicherungsaufgaben für die kritische Infrastruktur übernehmen.
Im Anschluss sprach OTL Seifert über die möglichen Konsequenzen dieser Ereigniskette und verwies darauf, dass Ausspähversuche und Sabotagemaßnahmen gegen kritische und militärische Infrastruktur bereits stattfinden und Stromausfälle eine der möglichen Gefahren darstellen, auf die sich die Bürger:innen einstellen und zumindest mental vorbereiten sollten, da die Blaulicht-Organisationen bereits stark im Operationsplan Deutschland beansprucht werden würden.
Abschließend gab OTL Seifert einen Einblick in das strategische Grundkonzept der militärischen Abschreckung und fand deutliche Worte über die Herausforderungen, die Deutschland, Europa und die NATO in naher Zukunft meistern müssen.
Das Forum für wehrhafte Demokratie e.V. bedankt sich herzlich für die detailreiche Präsentation, die Antworten auf die Fragen der interessierten Veranstaltungsbesucher:innen und für die Zeit.
