Resilienz lernen: Was Deutschland von Finnland, Estland und der Ukraine lernen kann

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Mit über 150 Teilnehmenden fand am Freitag, 21. November 2025, die Auftaktkonferenz des Forums für wehrhafte Demokratie im Felix-Klein-Gymnasium in Göttingen statt. Unter dem Titel „Krieg im Frieden – Wo stehen wir jetzt?” diskutierten internationale Sicherheitsexperten, Diplomaten und Wissenschaftler darüber, wie Deutschland und Europa sich gegen hybride Kriegsführung Russlands wappnen können.

Klare Botschaften: Deutschland muss aufwachen

Die Veranstaltung machte unmissverständlich deutlich: Hybride Angriffe auf westliche Demokratien sind keine theoretische Zukunftsgefahr, sondern bereits Realität. „Ein hybrider Krieg ist kein Vorspiel zum Krieg. Der Krieg ist schon da”, brachte es die ukrainische Politikwissenschaftlerin Dr. Oksana Huss von der Universität Uppsala auf den Punkt. Ihre Aussage löste ein spürbares Raunen im Publikum aus – und nachdenkliche Stille.

Arndt Freytag von Loringhoven, ehemaliger Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), unterstrich diese Einschätzung: „Wir verhalten uns nicht so, als wären wir in einem hybriden Krieg, wir sind es aber.” Als zentrales Problem identifizierte er die deutsche „Eskalationsangst”, die eine angemessene Reaktion auf russische Angriffe verhindere. Seine Empfehlung: „Wir könnten Russland zeigen, dass auch wir im Cyber-Bereich Sabotage können.”

Von Finnland und Estland lernen

Besonders eindrücklich waren die Schilderungen aus Ländern, die bereits seit Jahrzehnten mit russischen Bedrohungen leben:

Kai Sauer, finnischer Botschafter in Deutschland, erklärte das finnische Sicherheitskonzept: „Wir sind uns einfach der Realitäten bewusst. Wenn man gut vorbereitet ist, fühlt man sich sicherer.” Finnland unterhält eine Reserve von 900.000 Menschen bei 5,6 Millionen Einwohnern. „Wenn man dieses Verhältnis auf Deutschland übertragen würde, hätten wir eine gute Abschreckung”, so Sauer.

Riho Terras, ehemaliger Oberkommandierender der estnischen Streitkräfte und heutiger Europaabgeordneter, berichtete von Estlands umfassendem Ansatz: Bereits 17- bis 18-Jährige lernen „umfassende Verteidigung” als Pflichtfach in der Schule – einschließlich des Umgangs mit Propaganda und Desinformation. „Ich bin damals fast vom Stuhl gefallen, als ich gehört habe, dass Deutschland die Wehrpflicht abschafft”, kommentierte Terras. In Estland hätten fast alle – mindestens über Ecken – mit dem Militär zu tun.

Seine deutliche Warnung: „In Estland ist es kein Problem, Leuten klarzumachen, dass Krieg möglich ist.” In anderen europäischen Staaten herrsche hingegen ein „komatöser Zustand”, Weckrufe verpufften. Das sei ein zentrales Problem in der europäischen Sicherheitspolitik.

Keine Panikmache, sondern Information

Florian Flade, WDR-Investigativjournalist und Sicherheitsexperte, lobte die Veranstaltung als „sehr interessant und wichtig” und kritisierte zugleich die deutsche Untätigkeit: „Zu oft herrscht noch das Prinzip Hoffnung.” Das könne man sich nicht mehr leisten, „denn unsere Lebensweise wird angegriffen” – nicht zuletzt durch Cyber-Attacken, die man sehr ernst nehmen müsse.

Flade betonte jedoch: „Es geht mir keinesfalls um Panikmache, sondern darum, zu informieren. Denn das mindert Ängste. Und die sind es schließlich, die lähmen.”

Lokale Demokratie stärkt Resilienz

Dr. Oksana Huss, die zu gesellschaftlicher Resilienz in der Ukraine forscht, betonte eine wichtige Erkenntnis: „Partizipative Demokratie in Kommunen” stärke die Widerstandsfähigkeit gegen hybride Angriffe. Diese Erkenntnis lasse sich auch auf Deutschland anwenden.

Damit wurde deutlich: Resilienz ist nicht nur Sache von Militär und Nachrichtendiensten, sondern beginnt auf lokaler Ebene – in Städten, Gemeinden und im zivilgesellschaftlichen Engagement.

Eindringlicher Appell: Vernetzen und engagieren!

Gerald Steilen, Moderator des Panels, richtete einen eindringlichen Appell an die Anwesenden: „Vernetzen Sie sich, engagieren Sie sich!” Genau diesem Ziel hat sich das Forum für wehrhafte Demokratie verschrieben: als überparteiliche Plattform Expertenwissen zugänglich zu machen und die Zivilgesellschaft zu stärken.